Andacht zum Karfreitag 2021

"Dass du gerade jetzt gekommen bist, in dem Moment, an dem ich dich am nötigsten brauchte, kann kein Zufall sein. Dich muss der Himmel geschickt haben."

So alt wie die Menschheit sind die Versuche, das, was uns geschieht zu deuten. Wenn wir im Innersten von etwas berührt sind, ist der Glaube an den Zufall zu mager. Dann versuchen wir einem Sinn auf die Spur zu kommen. Wenn es um positive Ereignisse geht, ist es meist auch leicht, einer Erklärung fröhlich mit dem Herzen zu folgen. Aber was ist mit dem Schlimmen? Wie sollen Leid und Elend einen Sinn ergeben? Wer für sich persönlich einen Sinn zu erkennen meint, ist oft getröstet oder kann zumindest besser mit dem Geschehenen weiterleben. Ganz schwierig wird es, wenn jemand anderes meint, eine Erklärung gefunden zu haben. Wenn ein anderer die Keule schwingt und mir einen vermeintlichen Sinn aufdrängt. Auch in der jetzigen Zeit der Krise gibt es diese Fragen nach dem Sinn. Vieles höre ich da: Gott straft uns Menschen für unseren Lebenswandel, die Natur schlägt zurück, die Menschheit muss reduziert werden. Nichts davon klingt in meinen Ohren plausibel. Und im Herzen erst recht nicht.

Einen Karfreitag haben wir in diesem Jahr, der uns wirklich zu tragen aufgibt. Einen Karfreitag, der nicht nur als vom Grundgesetz geschützter stiller Tag quasi schon immer in seinem besonderen Charakter besteht. In diesem Jahr ist er in unserem ganzen Land, ja in der gesamten Welt mit Inhalt gefüllt - wir können ihn nicht ignorieren. Und mag uns auch die Sinnfrage quälen: Es ist eine alte Erkenntnis, dass man immer erst hinterher schlauer ist. Es braucht Abstand, Reflexion und meist auch eine Neuausrichtung, um sich an die Sinnfrage heranzutasten. Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden - diese vom Philosophen Sören Kierkegaard so formulierte Weisheit gilt auch in unserer Situation.

Karfreitag denken wir an die Kreuzigung Jesu. Das war für seine Anhänger die absolute Sinnlosigkeit. Und auch Jesus selbst scheint von Gott und allem Sinn verlassen, wenn er am Kreuz hängend schreit: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Mal abgesehen davon, dass die Jünger dieser Situation entflohen sind, ist es totale Sinn- und Hoffnungslosigkeit, die sie erfüllt. Hinterher ist man immer schlauer: Die Sinnfrage hat sich erst von Ostern her beantwortet, wenn auch nicht mit einer Stimme. Durch die Jahrhunderte haben sich immer wieder unterschiedliche Antworten Gehör verschafft: Jesus wurde geopfert für uns; Jesus hat tiefstes Leid durchschritten, um uns Menschen nah zu sein, uns zu begleiten in unserem Leid - das sind zwei sehr verschiedene Deutungen. Aber beiden gemeinsam ist, dass sie nur von der Auferstehung her möglich sind. Erst aus der Osterperspektive ergibt sich ein akzeptables Verständnis des Geschehenen. Das Leid wird überwunden. Es gibt einen Neuanfang.

Karfreitag 2021. Welchen Sinn hat die Corona-Pandemie? So wie Ostern die Kreuzigung in einer neuen Klarheit erscheinen lässt, wird auch die derzeitige Krise nach ihrer Überwindung von uns in einem bestimmten Licht gesehen werden. Zu hoffen ist, dass sich daraus Konsequenzen ergeben, über die wir uns als Gesellschaft einig werden. Es wird aber auch persönliche Deutungen und Sinnklärungen geben, die sehr privater Natur sind. Verschieden ist das Leid, das wir tragen in diesen Monaten. Mancher hat einen lieben Menschen verloren, manchem wird die Existenz unter den Füßen weggerissen, manches Elend geschieht da, wo eigentlich ein Schutzraum sein sollte: in den Familien.

Karfreitag, alle Karfreitage unseres Lebens zeigen uns, dass niemand vom Leid verschont bleibt. Aber der Auferstandene geht Karfreitag stellvertretend voran. Ostern entgegen.

Bleiben Sie behütet - Ihre Pfarrerin Almuth Wisch