Andacht zum Karsamstag 2021

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Joh 12, 24

Karsamstag. Karsamstag - nicht Ostersamstag. Tag der Grabesruhe sagen manche, oder stiller Tag. Ein Tag, der eigentümlich dazwischen ist. Gestern Kreuzigung, morgen Auferstehung. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle sollen wir im Gedenken an Jesus nachvollziehen. Wir kennen solche Achterbahnfahrten. Im echten Leben rütteln sie uns richtig durch, lassen das Herz in die Hose rutschen und wir wissen nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Vielen Menschen geht es in diesen Tagen wirklich wie Karsamstag: Da sind Sorgen und schwere Krankheit, da sind Leid und Trauer. Kräftezehrendes Schwanken zwischen Angst und Hoffnung. Angst, die einem den Boden unter den Füßen wegreißt. Hoffnung, eingezäunt von der Angst um einen lieben Menschen. Wir sind in dieser Zeit ganz bei allen, denen es so geht. Wir erinnern eigene Zeiten des Verlustes und der scheinbaren Ausweglosigkeit. Mehr tot als lebendig. Ein Würgen in der Kehle, kein Appetit, kein Lachen und nur die leise Hoffnung auf wenigstens gnädigen Schlaf, der uns eine Weile aussteigen lässt aus den Karsamstagsgefühlen. Schreckliche Zeiten sind das, die Karsamstage in unserem Leben. Und in diesem Jahr denken wir natürlich besonders an alle Menschen, die direkt oder indirekt unter Corona leiden: Weil sie erkrankt sind, weil sie im Gesundheitswesen tätig sind und vor Arbeit nicht mehr richtig aus den Augen gucken können - Karsamstagsmüdigkeit als Dauerzustand -, weil sie finanzielle Sorgen haben oder nicht wissen, wann sie sich auch noch um die schulischen Belange der Kinder kümmern sollen. Weil jemand gestorben ist, der vielleicht noch leben würde, wenn Corona nicht wäre. Oder weil jemand endlich mal wieder menschliche Nähe spüren möchte, nicht dauernd nur halbe Gesichter auf Abstand vor sich haben.

Ja, so ist er, dieser Tag heute. Und ich will nichts von alledem fromm übertünchen oder bagatellisieren. Es ist schlimm und furchtbar und es lässt uns zu Gott schreien: Was soll das? Warum hast du mich verlassen? - Wer so ruft, muss sich nicht schlecht fühlen. Jesus selbst hat so empfunden. Ihm blieb auch nicht mehr als uns: immerhin eine Adresse, an die wir uns wenden mit all dem Schlimmen. Dem wir es entgegen schleudern und vor dem wir alle unsere Masken fallen lassen.

Aber wir kennen die Geschichte, wissen, wie sie weitergeht. Wenn wir es auch gerade nicht fühlen, haben wir Ostern bereits im Blick. Bloß schnell überspringen diese unangenehmen Gedanken und Gefühle? Verdrängen, was uns nicht gefällt? Nein, das tun wir nicht an diesem Karsamstag. Aber wir sind dabei nicht ohne Hoffnung. Wir schauen hoffnungsvoll auf das Licht von Ostern, das uns entgegen scheint.

Dann ist die Hoffnung größer als die Angst, der Glaube stärker als die Anfechtung, die Liebe stärker als der Hass, der Friede stärker als die Gewalt, das Leben stärker als der Tod, dann ist Ostern stärker als Karsamstag. Darauf hoffen wir im Glauben. Und so, wie wir unsere Gedanken auf Ostern richten, so schauen wir auch voller Hoffnung auf unser Ende: da wird Licht sein und Liebe uns empfangen. Da hören sie auf, die Karsamstage mit ihrem Schrecken. Amen.

Herzlichst - Ihre Pfarrerin Almuth Wisch